Long way up

Den nächsten Tag kann man unter die Überschrift stellen: von 27 auf 7. Am morgen wachten wir in unserem Wohnmobil schweißgebadet um 8 Uhr auf. Die Sonne stand wohl schon 8 Stunden am Himmel und dementsprechend heiß war es im Wagen. Draußen waren es über 20 Grad, gefühlt und in der Sonne noch viel mehr. Selbst die Mücken trauten sich kaum hinaus.

Wir skypten noch mit Oma, die heute Geburtstag hat und fuhren weiter gen Norden. Ist uns auch zu heiß hier in Lappland. 😉 Wir nahmen den „Vegen til Ishavet“ und sahen in Utsjoki direkt vor uns auf der Straße eines der seltenen Albino-Rentiere. Von dort aus ging es weiter nach Norwegen zurück. Entlang des Varangerfjordes landeten wir in Vestre Jakobselv, wo wir ein gutes Thailändisches Restaurant ausgemacht hatten, auf das wir uns schon seit Tagen freuten. Leider hatte es noch wegen Umbaus eine Woche geschlossen. Seufz. Alternativ gab es in Vadsö leckere riesige (und riesig teure) Burger. Hier konnte Merle auch wieder toben und spielen. Mittlerweile läuft sie schon an einer Hand und krabbelt die Treppen mit den Füßen statt den Knien herauf. Sie wird ganz schön flink und hält uns super auf Trab.

Ab hier schiebt sich eine geschlossene Wolkendecke zwischen uns und den strahlenden Sonnenschein. Aber bei immer noch 17 Grad ist es hier sehr angenehm. Weiter gehts die Touristenroute zum östlichen Festlandpunkt Norwegens bei Vardö und von dort aus weiter am Nordpolarmeer entlang per Single-Track-Road bis zum Geisterdorf Hamningberg. Hier hat sich eine Art Hochnebelschicht über die Hügelkuppen gelegt und der starke Wind lässt die 12 Grad wie 7 anfühlen. Und soo geisterhaft geht es hier im Sommer gar nicht zu. Viele Häuser sind während der Saison bewohnt, es gibt sogar ein Café und es gibt hier natürlich auch jede Menge Touristen. Wir suchen uns ein nettes Plätzchen direkt am Fjord, wo uns der Wind um die Ohren bläst. Für uns ist die Natur atemberaubend schön und exotisch. Wir treffen hier aber auch auf Touristen aus Köln, die seit 17 Jahren herkommen und sagen, dass es viel von der ursprünglichen Natur mittlerweile nicht mehr gibt, sei es durch den Menschen, seit es durch die Klimaerwärmung. Am Abend zog hier dann „the Fog“ auf…

Ich hatte gehofft, noch einige gute Bilder zu später Stunde machen zu können, doch leider verzog sich der Nebel nicht mehr und so wurde nichts aus dem Vorhaben. In der Nacht fing es noch an zu regnen und so war ich froh, wenigstens nach dem Frühstück am späten Vormittag noch eine trockene Phase zu haben in der ich mit der Kamera durch Hamningberg zog um einige schöne Aufnahmen zu machen. Die Stadt hat auch schon oft als Filmkulisse herhalten müssen. Zu perfekt ist die Mischung aus alten, verfallenen Häusern, der kargen rauen Natur und der Verbildlichung von Einsamkeit.

A propos raue Natur: der Rückweg war nicht weniger spektakulär als der Hinweg. Es ging durch eine karge „Mondlandschaft“ und es boten sich uns immer wieder eindrucksvolle Aus- und Ansichten auf die Arktische Barentsee. Nicole hat sich sogar mit den Beinen bis ins 6 Grad kalte Wasser getraut, wobei wir uns sagen lassen haben, das man ab 8 Grad eh keinen Unterschied mehr spüren soll…

Wir fahren zurück bis nach Vadsö wo wir noch mal in dem Lokal vom Vortag einen Stopp machen, da es Zeit für eine Mittagspause und Kaffee ist und Merle wieder herumtoben kann. Optimal. Nach einer kleinen Stärkung setzen wir unsere Reise fort und machen an einer kleinen Kirche in Nesseby halt. Dort gibt es für uns ganz unerwartet einen tollen Parkplatz und wir beschließen gleich hier zu bleiben. Zudem bieten sich tolle Fotomotive an und ich hoffe wieder mal auf gutes Licht zu späterer Stunde. Leider habe ich wieder zu hoch gepokert und es wird wieder nichts mit gutem Licht. Wir haben im Moment eine kleine Schlechtwetter-Phase von 3 Tagen zu überstehen, daher ist die Sache mit dem guten Fotolicht eher eine Lotterie…

— Hinweis: Die Erde ist eine Kugel. Wenn man also mit seinem Wohnmobil so weit im Norden ist wie wir, bringt es nichts, die Satellitenschüssel auszufahren und 20 mal kreisen zu lassen. War ein lustiges Schauspiel für uns. —

Von Nesseby aus soll unsere Reise auf die nächste Halbinsel weiter westlich gehen. Wir möchten den Nördlichsten Punkt auf dem Festland von Europa besuchen, Slettnes Fyr. Die Fahrt dorthin führt über mehrere Fjelle und verspricht einige schöne Höhepunkte. Höhepunkte hatte es dann auch, allerdings andere als wir erwartet hatten… 😉

Einer war ein Stück fehlender Straße. Es war nicht nur einfach eine Baustelle mit Schotterstraße, nein es fehlte auch diese. Es war einfach ein Stück „Weg“, aus dem Fels freigesprengt und die größten Brocken beiseite geräumt. Wir haben einige Mobilisten vor uns aufgeben und drehen sehen, zu groß war wohl die Sorge um die Fahrzeuge. Wir haben uns davon nicht abschrecken lassen und sind einfach mal drauf los gefahren. Wird schon irgendwie dadurch gehen. Irgendwie ging es dann auch, und wir wurden nach der sehr holprigen Fahrt und Tortour für unseren Bus mit feinstem neuen Asphalt auf der anderen Seite belohnt. Den hatten wir auch noch ganz für uns, da sich sonst keiner getraut hat weiter zu fahren… 🙂

Ein weiterer „Höhepunkt“ war die Niete in der Wetterlotterie. Es hat sich weiter verschlechtert und es ist Nebel aufgezogen. Je höher wir auf den Fjellen kamen, desto schlechter wurde die Sicht. Wir sind am Ende bei einer Sicht von unter 10m angekommen und schlichen uns so vorwärts in Richtung Slettnes. Wir haben daher leider überhaupt keine Ahnung wie es auf dem Weg dorthin aussieht und können darüber nichts berichten. Von den wenigen Blicken die wir ergattern konnten, können wir sagen das es mitunter wohl sehr spektakulär zugehen muss.

Wir kommen schlussendlich doch etwas später als gedacht in Slettnes an und feiern unseren Etappensieg. Weiter Nordwärts geht es in Europa auf dem Festland nicht. Ein tolles Gefühl, nach solanger Zeit und sovielen Kilometern an diesem Punkt angekommen zu sein. Wir feiern dieses Ereignis Gebührend mit Waffeln und Kaffee. Bzw. hatten es so geplant. Wir reisen jetzt schon seit langen Wochen faktisch ohne Bargeld und das ohne Probleme. Bisher. Zwar kann man -theoretisch- in dem Café auch mit Visa zahlen – soweit das Internet funktioniert. Und genau eben das ging heute nicht, zu schlecht war das Wetter für einen guten Empfang… Wir saßen etwas traurig in dem Lokal, waren wir doch außerstande unsere Gewünschten Waren zu bezahlen. Mit uns saß noch eine Gruppe Reisender aus Deutschland im Café. Da wir nichts zu verlieren hatten, habe ich kurzum gefragt, ob uns nicht jemand Bargeld leihen kann und wir überweisen es zurück. Sehr zu unserer Freude hat sich tatsächlich jemand bereit erklärt, uns das Geld zu geben. Und mehr noch, er hat eine Spende daraus für unser Kinderheimprojekt gemacht. Toll. Wir kamen also zu unserem Feierlichen Essen und können noch was für den guten Zweck tun. Wir freuen uns so sehr darüber, das wir den Geldbetrag verdoppeln werden, den wir dort gespendet bekommen haben. Herr Hirschler, nochmals vielen Dank auch an dieser Stelle für Ihre Bereitschaft an das Gute in uns zu glauben und den Vetrauensvorschuss! 🙂

Dieser Ort war so magisch, dass wir beschlossen haben, auf jeden Fall noch einmal wieder zu kommen. Es war Gott sei Dank nicht annähernd so touristisch und voll wie wir gedacht hatten. Ein Schwank der hiesigen Bevölkerung lautet: „Wenn drei Leute vor dir in der Schlange stehen, geh einfach weg.“ Das, was für uns alltäglich ist, ist für sie undenkbar: Stau auf dem Weg zur Arbeit, Schlangestehen an der Kasse. Verstehen sie nicht, ist weggeworfene Lebenszeit. Wir genießen noch einmal die extreme Wetterlage mit den meterhohen Wellen und fahren zurück nach Mehamn, dem nördlichsten Fischerdorf auf dem Kontinent. Der Campingplatz hier liegt idyllisch direkt am Hafen und wir sehen junge Männer in Badehosen ins Meer springen. Ein schöner Ort, doch uns zog es noch weiter. Merle schlief grad so schön und diese Phase wollten wir nutzen. Es wird sich schon ein schönes Plätzchen am Wegesrand für uns finden. Fand sich leider nicht. Nicht, dass es nicht genug Möglichkeiten gegeben hätte, jedoch haben wir es irgendwie hinbekommen, keine davon zu nutzen. Zu guter Letzt landeten wir dann auf dem Campingplatz in Ifjord, der weder schön noch sonstwas war, aber immerhin eine schöne laaange heiße Dusche bot. Und Mücken, die sich auch im Regen hinaus trauten.

Der folgende Morgen begrüßte uns mit lang anhaltendem Regen. Wir wollten den Tag zum Fahren nutzen und legten los in Richtung Lakselv. Vorbei ging es an einem wunderschönen Canyon, der im Regen leider nicht zum Wandern einlud. In Lakselv ging gerade das Midnattsrocken-Festival, das nördlichste Outdoorfestival der Welt zu Ende. Schade, da waren wir einen Tag zu spät. Von dort aus wurde die Straße touristischer, denn hier schloss sich die östliche Nordkaproute zu unserer Straße dazu. Es gab jede Menge herrlicher freier Rastplätze und tolle Buchten und Fjorde. Im Regen. Wir bogen dann auf die E69 Richtung Nordkap ab und hinter jeder Felsnase und hinter jedem Tunnel war das Wetter anders. Mal regnerisch, mal diesig, mal relativ schön. Der Blick auf das Meer ist allerdings bei jedem Wetter einzigartig. Das ist mir schon in Hamningberg aufgefallen. Das Meer glänzt und funkelt ganz weiß. Ich liebe diesen Anblick.

Ein Blick auf die Wetter-App rät uns, lieber morgen zum Nordkap zu fahren. Ok, das hätten wir uns auch so denken können, aber sicher ist sicher. Wir biegen kurz vorher Richtung Skarsvag ab, dem nördlichsten Fischerdorf Europas (nicht des Kontinentes, denn wir sind hier schon auf einer Insel). Bei einem herrlichen Blick auf den kleinen Hafen und nach einem Abstecher in das Winter- und Weihnachtshaus fielen wir müde und satt in unsere Bettchen.

Ein Kommentar zu “Long way up

  1. Anke Freimuth

    Schade das ihr son Pech mit dem Wetter hab
    . Aber die Bilder sind dir gut gelungen. Ich soll euch ganz lieb von Marion Grüßen. Weiterhin schöne Fahrt Gruß Anke

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