Long Way Down – Teil 7

Trollstigenvejen – Oldedalen – Balestrand

Von der schönen Schärenverwöhnten Nordküste Norwegens biegen wir dann nach Süden in das Fjordland ab. Die Landschaft wird sofort dramatischer mit hohen, steilen Bergen und dunklen Fjorden. Wir haben wirkliches Glück mit dem Wetter und können diese Landschaft sonnenverwöhnt genießen. Die Trollstiegen sind heute unser Tagesziel und der Anblick ist immer wieder beeindruckend. Wir sind sie vor 5 Jahren mit dem Motorrad staunend hinabgefahren. Heute fahren wir sie mit dem Wohnmobil staunend hinauf. Trotz Hochsaison hält sich der Verkehr in Grenzen und wir uns kommt nur weniger als ein halbes Dutzend Reisebusse in den engen Serpentinen entgegen.

Obend gibt es mittlerweile ein großes Touristenzentrum mit einem großem kostenfreien Parkplatz, auf dem wir unser Nachtlager aufschlagen. Die Temperatur hat sich von 20 Grad an den Fjorden hier auf etwa 5 Grad auf 850 Metern Höhe abgekühlt und wir genießen den Abend im Wohnmobil auch damit, dem hektischen Treiben der Touristenmassen zuzusehen.
Es gibt sehr gut ausgebaute Touristenwege zu mehreren Aussichtsplattformen und auf einer von diesem wollen wir in der Dunkelheit langzeitbelichtete Aufnahmen von den hinauf- und hinabfahrenden Autos machen. Leider wurde daraus nichts, da es hier nach Anbruch der Dunkelheit so gut wie keinen Verkehr mehr gab. Sehr schade. Wir überlegen, nochmal im Mai oder Spetember wiederzukommen, wenn es eher dunkel wird und möglichweise dann mehr Autos im Dunklen unterwegs sind.

Am nächsten Morgen zieht Nebel aus den Fjorden hinauf zu uns. Die Menschen, die heute einen unvergesslichen Blick erheischen wollen, sehen leider nicht viel mehr als eine weiße Wand. Wir machen uns auf und fahren über das Fjell hinab zum Nordalsfjorden. Wir haben Glück und im Laufe der Fahrt wird die Sicht klar und ein herrlicher Tag bricht an. Wir setzen mit dem Schiff über und hinauf gehts erneut 625 Meter den Örnevegen entlang, der dann in steilen Serpentinen im Geirangerfjord endet. auf der beliebten (und total überfüllten) Aussichtsplattform „Adlerschwinge“ bietet sich uns ein spektakulärer Anblick. Der Geirangerfjord ist sehr eng und steil und ein atemberaubendes Stück Natur. Wir können die Wasserfälle „sieben Schwestern“ bei strahlendem Sonnenschein genießen. Wir fahren weiter hinab und machen eine Mittagspause direkt am Fjord.

Aus dem Norden Norwegens kommend, wo es recht einsam ist und man nicht mehr als die herrliche Natur um sich herum hat, ist Geiranger ein Schock für uns. Die Trollstigen waren schon recht voll, aber dennoch ist es hier unvergleichlich überfüllt. Es liegt ein großes Kreuzfahrtschiff vor Anker mit 3000 Passagieren, von denen viele mit Bussen zu den Sehenswürdigkeiten gefahren werden. Die Hurtigruten sowie ein großer französischer Kreuzfahrer liefen gerade unter lautem und stetigen Betätigen des Signalhorns ein. Auf den schmalen Straßen drängten sich die Fahrzeuge und Parkmöglichkeiten waren unmöglich zu finden. So wurden auch wir mitsamt vielen anderen Wohnmobilen dann von einem Busfahrer angewiesen, seinen Wendehammer zu verlassen.

Fast fluchtartig verließen wir den Geirangerfjord wieder. Wobei die Flucht im Schneckentempo voran ging. Zuviele Fahrzeuge, zuviele Menschen, zuviel Dieselsmog von den Schiffen und zuviel Stress für uns. Hinauf ging es die Serpentinen. Kolonnefahren war angesagt. Leid taten uns die Motorradfahrer, die hinter den Bussen festhingen. Erst 625 Meter höher löste sich die Schlange langsam auf. Wir fuhren nicht durch den Tunnel weiter, sondern über das „gamle Videdalen“, einer alten Passstraße in Richtung Nordfjord.

Die Straße ist laut Schild „für Wohnmobile nicht empfohlen“ und führt bis in 1140 Metern Höhe in eine ganz andere Welt. Hier gibt es nichts als Steine, Moose und Flechten. Von den nahen Gletschern gespeiste türkisfarbene Seen liegen in der totalen Einsamkeit direkt vor unseren Füßen. Die Straße ist sehr schmal, oft einspurig und über weite Teile ungeteert. Hier fühlen wir uns wohl.

Auf der anderen Seite geht die Passstraße wieder in steilen Serpentinen hinab bis auf Meereshöhe. Uns fällt auf, dass die Pässe hier in Norwegen fast alle diese Form haben: auf der einen Seite eine Rampe, auf der anderen Seite eine steile Serpentinenstrecke. So ähnlich wie das Stilfser Joch in den Alpen. Wir fragen uns, ob diese Form für ein „Joch“ üblich ist, finden aber im Internet keine Antwort darauf. Es ist dann wohl nur eine bestimmte Art eines Passes. Dieser Pass lag oben in Nebel und Regen und machte somit nicht viel Spaß. Doch nach ein paar Serpentinen lag das Tal darunter trocken zu unseren Füßen. Dort standen auch Motorradfahrer, die wohl hinauf, aber nicht nass werden wollten. Wenn die wüßten, dass sie danach strahlender Sonnenschein erwarten würde…

Für die Nacht haben wir per Zufall einen schönen Parkplatz mit WC und Gletscherblick im Oldedalen herausgesucht. Das „WC“ stellte sich als Plumpsklo heraus. Dieses Phänomen gibt es oft in Norwegen und ich überlege, ob ich mal eine Mail an „Statens Vegvesen“ schreibe und dort anfrage, ob wie wissen, wofür das „W“ in „WC“ wohl stehen könnte 😉 Macht uns aber nicht viel aus; wer viel Not hat, geht auch auf ein Plumpsklo, wer nicht viel Not hat, wartet bis zur nächsten Tankstelle.

Was wir aber nicht wußten ist, dass das Oldedalen extrem bekannt ist und daher bis abends spät und auch am nächsten morgen recht früh Busse an diesem Platz anhielten, damit Touristen aus aller Herren Länder hier ein Foto von dem herrlichen Gletscherblick machen konnten. Durch intensive Studien beim Frühstück konnten wir hinterher schon fast sicher sagen, welche Menschen aus welchem Land kommen, ohne dass wir sie sprechen hören mussen. 🙂 Und es gab Busse, die die Menschen hinterher bis direkt zum Gletscher fuhren und Busse, die „Gletscherblicktouren“ anboten und wieder umdrehten.

Nach ein wenig googlen war uns klar, dass wir dieses Tal noch hinauf bis zum Gletscher fahren wollten. Wir konnten etwa ein Dutzend spektakuläre Wasserfälle bewundern und am Ende des Tals gab es einen großen, aber kostenpflichtigen Parkplatz. Von dort aus gab es eine 45-minütige Wandermöglichkeit zu einer Gletscherzunge. Rollstuhlgerecht ausgebaut und mit der Möglichkeit, Elektroautos bis dahin zu anzumieten. Da wir wussten, wie viele Busse heute morgen hier Touristen abgesetzt hatten und mit Geiranger im Hinterkopf beschlossen wir, diese „Wanderung“ trotz strahlendem Sonnenschein nicht zu machen.

Stattdessen nutzen wir den Tag, um über das wunderschönen Gauljarfjell, einem 750 Meter hohem Pass bis nach Balestrand zu fahren und den Nachmittag am lieblichen Sognefjord zu verbringen. Das Städtchen versprüht den Charme eines alten Badeortes, es gibt dort viele Holz- und Drachenhäuser zu sehen. Wir schlenderten die Uferpromenade entlang und besuchten eine wunderschöne kleine englische Kirche, die Pate gestanden haben soll für den Film „Frozen“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.