Long Way Down – Teil 5

Lödingen – Bognes – Rognan – Sjöbakken

Am nächsten Tag geht es weiter. Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden und wir verabschieden die Lofoten und Vesteralen so wie wir gekommen sind: mit dicken Wolken. In Lödingen nehmen wir die Fähre nach Bognes auf dem Festland. Auf der Fährfahrt sehen wir das erste Mal Papageientaucher. So süß und bunt! Andere zahlen viel Geld für eine „Puffin-Tour“ und uns schwimmen sie direkt vor das Schiff. Wir können unser Glück kaum fassen.

Von dort aus fahren wir die E6 nach Süden. In Fauske füllen wir unseren Dieseltank – halbvoll! – wieder auf und biegen weiter auf die E6 gen Süden ab, denn diesen Abschnitt sind wir noch nicht gefahren. Wir beenden den Tag kurz vor Rognan auf einer Halbinsel im Saltfjorden und genießen die Aussicht, die uns die aufreißenden Wolken bietet.

Die E10 führt hier weiter über ein hohes Fjell, etwa 800 Meter hoch, und dementsprechend ändert sich auch Landschaft und Vegetation. Tolle atemberaubende Bergformationen wechseln sich ab mit relativ unspektakulären Landschaften. In Mo I Rana – hier gibt es wieder den „Himbeerwahnsinn“ – biegen wir auf das Reststück des „Bla vegen“ in Richtung Nesna ab, das wir noch nicht gefahren sind. Eine kurzweilige Fahrt später kommen wir am proppevollen Fährterminal an. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir nicht nochmal die Küstenstraße RV17 mit ihren vielen Fähren hinabgefahren sind, wie wir es bei Sonnenschein wohl getan hätten.

Als vorletztes Fahrzeug kamen wir grad noch auf die Fähre. Auf der anderen Seite direkt gegenüber der Fähre liegt das Sjöbakken Fiske-Camp, wo unsere neu gefundenen Freunde und Willkommen zurück heißen und wir uns gleich ein wenig wie Zuhause fühlen.

Wir genießen das Gefühl des „Angekommen seins“ einige Tage lang. Wieder etwas länger als geplant, dafür aber umso schöner. Lutz nahm Nicole mit auf einen Angelausflug und die beiden fanden einen Schwarm Makrelen (und das ohne Echolot), von dem sieben auf einen Streich in die Angeln bissen. Das war ein Festmahl an diesem Abend. Wir hatten so viel Fisch, dass wir die Hälfte noch an eine vierköpfige Reisegruppe aus Süddeutschland verschenken konnten. Die konnten ihr Glück gar nicht fassen. Den Makrelenhunger für die nächsten Wochen gestillt ging Christian am nächsten Tag mit Lutz „etwas vernünftiges“ angeln. Und tatsächlich kamen die beiden nach einiger Zeit mit einem Eimer voll Dorsch nach Hause, der sogleich filetiert in unserem Tiefkühlfach landete. Und das, obwohl „die Fische im Juli grundsätzlich nicht beißen“.

So genossen wir die herrliche sonnige Zeit, grillten Würstchen (oder was sich hier Würstchen nennen darf*), ließen uns von der lieben Susanna aus der Schweiz die Haare schneiden und erledigten ganz nebenbei noch die liegengebliebenen Hausarbeiten.
* ich sag nur: Bacongriller – 45 % Fleischanteil inklusive Bacon

Einen Abend lang ist im gesamten Tal der Strom ausgefallen. Dies bedeutete für uns: kein Wäschetrockner für unsere Bettwäsche (blieb bis spät Abends auf der Leine), keine Dusche nach dem Fischfang, kein Internet, keine Tiefkühltruhe (um den Fisch einzufrieren) und jede Menge los auf dem Campingplatz. Es ist wie in einer kleinen Dorfgemeinschaft:
Es gibt ein Unterdorf, ein Oberdorf, den Hauptort und die äußeren Gegenden, wo man nicht wohnt.
Es gibt die Einwohner, die Touristen ( die nur eine Nacht bleiben) und das Lumpengesinde (das gar nicht bleibt).
Und unter den Einwohnern gibt es den harten Kern, den erweiterten Kern, die Sonderlinge und die, die kein Deutsch sprechen, gemeinhin als die Norweger, die Schweden oder die Polen bezeichnet. Aber das nur am Rande.

Und wo die Fernseher ausfallen, wird sich halt draußen unterhalten. Die Fähre, die gegenüber am Ufer anlegt, hatte offenbar auch nicht mitbekommen, dass es kein Strom gibt und krachte zweimal scheppernd ans Ufer, weil sich die Bühne nicht in der Höhe verstellen ließ. Und wie die Autos genau vom Schiff gekommen sind, wissen wir bis heute nicht. Nur dass es lange dauerte und alle sehr langsam gefahren sind, konnten wir sehen. Die Crew musste dann auch noch bis Mitternacht ihr Schiff wieder heile machen. Hei, das gab Gesprächsstoff auf dem Platz für die nächsten Wochen!

Da wir länger blieben als geplant, ging unser Vorrat an Him-, Heidel- und Erdbeeren zu Ende. Und nichts isst Merle derzeit Nachmittags lieber. Also nichts wie hinein in den kleinen Wald neben dem Campingplatz und im Nu einen Becher voll Blaubeeren gesammelt. Im Gegensatz zur Industrieware färben diese tatsächlich noch Finger und Zunge blau. Hei was war das lustig. Wir fühlen uns hier von der Natur gesegnet. Fisch, Beeren und Pilze direkt vor der Türe kostenfrei und in Bioqualität. Wer genau hat eigentlich den Supermarkt erfunden, wenn es eigentlich so vieles von dem, was man braucht kostenlos in der Natur gibt? Birkenblätter- und Minztee aus dem Garten und Schnittlauch und Rhabarber als Parzellenabgrenzung. Jeden Abend ein Kilo frischen Fisch aus der Pfanne. Das könnte man im Supermarkt gar nicht bezahlen! Und wir danken dem Universum für die Möglichkeit, dies alles hier erleben zu dürfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.